Die europäische Natursteinbranche erlebt die bedeutendste regulatorische Veränderung seit Jahrzehnten. Seit Anfang 2026 gelten das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe (CRMA) und die EU-Lieferkettensorgfaltspflichtenrichtlinie (CSDDD) in vollem Umfang. Damit ist Nachhaltigkeit kein freiwilliges Marketinginstrument mehr, sondern eine verbindliche rechtliche Anforderung. Für B2B-Einkäufer und Architekten bedeuten die neuen Vorschriften zur Nachhaltigkeit im Steinabbau eine zusätzliche Komplexität bei der Beschaffung von Marmor, Kalkstein und Schiefer: Gefordert ist eine lückenlose, transparente Prozesskette von der Abbauwand bis zum endgültigen Projektstandort.

Das CRMA und die 10-Prozent-Auflage für heimische Gewinnung

Das EU-Gesetz über kritische Rohstoffe, das Ende 2024 vollständig in Kraft getreten ist, setzt ein ehrgeiziges Ziel: Bis 2030 sollen mindestens 10 % des jährlichen EU-Verbrauchs an strategischen Mineralien im Inland gewonnen werden. Diese Auflage zwingt die Mitgliedstaaten, Genehmigungsverfahren für bestehende Steinbrüche zu straffen und die Eröffnung neuer Standorte zu beschleunigen. Für Einkäufer bedeutet das voraussichtlich ein größeres Angebot an europäischen Natursteinen wie portugiesischem Moca-Cream-Kalkstein und italienischem Carrara-Marmor, denn die EU will ihre 65-prozentige Abhängigkeit von einzelnen Nicht-EU-Lieferanten verringern.

Das Gesetz stellt zudem die Kreislaufwirtschaft in den Mittelpunkt und schreibt vor, dass 25 % des Materialverbrauchs aus recycelten Quellen stammen müssen. In der Natursteinbranche treibt das Investitionen in die Aufbereitung von Steinstaub und Verschnittresten aus großen Gattersägeanlagen zu Sekundärprodukten voran.

CSDDD: Rechtliche Verantwortung für die Naturstein-Lieferkette

Die EU-Lieferkettensorgfaltspflichtenrichtlinie macht Unternehmen rechtlich verantwortlich für Umwelt- und Menschenrechtsverstöße in ihrer gesamten vor- und nachgelagerten Geschäftstätigkeit. Große Tier-1-Lieferanten müssen jetzt ihre gesamte Lieferkette abbilden und dabei mögliche Risiken wie Lebensraumverlust oder unerlaubte Wassernutzung im Steinbruch identifizieren. Bei Nichteinhaltung drohen Geldbußen von bis zu 5 % des weltweiten Nettoumsatzes. Sorgfaltspflicht wird damit 2026 zu einem entscheidenden Bestandteil jedes B2B-Beschaffungsvertrags.

Für die Natursteinbranche heißt das: Jede Platte aus Black Slate oder Classic-Beige-Marmor muss mit überprüfbarer Dokumentation geliefert werden. Dazu gehört der Nachweis von Wiederherstellungsplänen nach der EU-Verordnung zur Wiederherstellung der Natur (NRL), die die Mitgliedstaaten verpflichtet, bis 2030 auf 20 % der Landflächen Wiederherstellungsmaßnahmen durchzuführen.

Nachhaltigkeit bei der Beschaffung: Was das für Marmor und Schiefer bedeutet

Für die Beschaffung von Materialien wie Castle Grey und Aegean Grey hat das zweierlei Folgen: höhere Transparenzanforderungen und eine Verlagerung hin zu robusteren Lieferkettenpartnern. Um die CSDDD zu erfüllen, verbessern Fertigungsverfahren wie CNC-Infrarotzuschnitt und automatische Bohrverfahren nicht nur die Präzision, sondern reduzieren auch Materialabfall – im Einklang mit den Kreislaufwirtschaftszielen der EU. Alle Materialien müssen in seetauglichen Holzkisten verschifft werden, die die internationalen ISPM-15-Pflanzenschutzstandards erfüllen.

Türkischer Travertin und spanischer Crema Marfil werden derzeit in Werken verarbeitet, die bis zu 95 % recyceltes Wasser einsetzen. Diese betrieblichen Effizienzgewinne sind nicht mehr optional, sondern die Grundvoraussetzung für den Zugang zum europäischen Markt im Jahr 2026.

Quellen